Alerta! – PE #10: Erschreckende Berichte von Demonstrationssanitätern

Am Mittwoch erreichte das Alerta!-Bündnis die Einschätzung von einigen Demonstrationssanitätern, die am Samstag in Dortmund im Einsatz waren. Sie berichten von massiver Gewalt und unverhältnismäßigen Maßnahmen der Polizei. Hierbei handelt es sich um einen sehr selektiven Ausschnitt aus dem Gesamteinsatz der Polizei, der jedoch eindeutig den Zahlen der Polizei von sieben verletzten DemonstrantInnen widerspricht.
Der Gesamteindruck lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Sobald sich Personen der „Roten Zone“ in der Nordstadt näherten, mussten sie damit rechnen, mit Pfefferspray angegangen zu werden. Platzverweise oder Ähnliches auszusprechen und zu ahnden war der Polizei offenbar zu mühsam und aufwändig, stattdessen wurde die Situation bewusst mit der Anwendung von Pfefferspray eskaliert. Wir finden es wichtig noch einmal zu betonen, dass es sich bei Pfefferspray nicht um harmlose Mittelchen handelt, sondern um hochpotente Reizstoffe. Wir verweisen hiermit auf Studien, die belegen, dass dieses Kampfmittel die Eigenschaft besitzt, die Hemmschwelle seines Gebrauchs bei Polizeibeamten herabzusetzen(1).

Sonja Brünzel, Sprecherin des Alerta!-Bündnisses dazu:
“Der Bericht bestätigt unsere erste Einschätzung und es stellt sich für uns zwingend Frage, ob eine „Gewaltorgie“ am Samstag nicht vielmehr von Seiten der Polizei als von Gegendemonstranten ausging.“
„Ein solch massiver Einsatz chemischer Reizstoffen lässt den Boden der Verhältnismäßigkeit weit hinter sich.“

Nachfolgend der Bericht der Demonstrationssanitäter:

Einsatzauswertung 03.09.2011 Dortmund – Gegenaktivitäten zum „nationalen Antikriegstag“

Wir haben am 03.09.2011 eine größere Gruppe von DemonstrantInnen bei einer Aktion des Alerta!-Bündnis als DemosanitäterInnen permanent begleitet und während des gesamten Tages die Erstversorgung der Verletzten vor Ort übernommen. Wir waren mit einem erfahrenen 3er-Team (Ärztin + 2 Demosanitäter) im Einsatz. Da wir permanent eine Demonstration begleiteten, können wir nur Aussagen über Geschehnisse in deren unmittelbaren Umfeld tätigen.

Die von der Polizei verbreitete Zahl von 7 verletzten DemonstrantenInnen steht in keiner Relation zu den tatsächlichen Geschehnissen. Ein kurzer Überblick über die Situation an der von uns begleiteten Aktion:

  • Im Verlaufe des Tages erlitten mehr als 30 DemonstrantInnen Verletzungen der Augen, Atemwege und Haut durch chemische Kampfstoffe (Pfefferspray) und mussten vor Ort behandelt werden.
  • Eine Person verlor durch Gewalteinwirkung auf Rücken und Wirbelsäule (vermutlich Knüppelschläge) kurzfristig das Bewusstsein und musste vor Ort ärztlich behandelt werden. Auf Grund von neurologischer Auffäligkeit wurde die Person nach der Erstversorgung zur weiteren ärztlichen Beobachtung zur San-Station gebracht.
  • Eine Person erlitt durch Schläge ins Gesicht blutende Verletzungen an Mund und Nase und musste vor Ort ärztlich behandelt werden. Da eine Fraktur des Nasenbeins nicht ausgeschlossen werden konnte, wurde auch diese Person zur weiteren ärztlichen Versorgung der San-Station zugeführt.
  • Eine Person erlitt durch Tonfa-Schläge eine stumpfe Handverletzung, welche vor Ort erstversorgt wurde.
  • Mehrere Personen hatten Kreislaufprobleme und mussten aus dem Gefahrenbereich gebracht werden.
  • Mehrere Personen erlitten durch Stürze auf Asphalt Schürfwunden an den Extremitäten, diese wurden vor Ort versorgt.
  • In allen Fällen waren die Verletzungen direkte Folge polizeilicher Gewalteinwirkung.

Die Polizei setzte seit dem frühen Morgen permanent und massiv Pfefferspray gegen die DemonstrantInnen ein. Die Polizei setzte den chemischen Kampfstoff an den Sperrstellen häufig ohne vorhergehende Konfrontation und ohne Vorwarnung massiv (aus bis zu 8 Geräten gleichzeitig) ein. So wurden ganze Straßenabschnitte in eine Kampfstoffwolke gehüllt, sobald sich die DemonstrantInnen einer Sperrstelle auf Reichweite der Reizstoffsprühgeräte (RSG) (ca. 6m) näherte. Die Polizei handelte keinesfalls gezielt gegen für sie gefährliche DemonstrantInnen, sondern setzte Pfefferspray flächendeckend und ungezielt gegen alle DemonstrantInnen ein die sich den Sperrstellen näherten. Die Polizei setzte die Kampfstoffe in den meisten Fällen ohne akute Gefahr für einzelne Beamte oder eine Sperrstelle ein und nahm keinerlei Rücksicht auf die körperliche Unversehrtheit der anwesenden DemonstrantInnen, JournalistInnen und PassantInnen. Die vorgeschriebenen Mindestsicherheitsabstände (1m) zwischen RSG und Betroffenen wurden während des Einsatzes mehrfach unterschritten und die Betroffenen dadurch leichtfertig der ernsten Gefahr bleibender gesundheitlicher Schädigungen ausgesetzt. Durch den massiven Kampfstoffeinsatz erzeugte die Polizei Situationen, die sich völlig ihrer Kontrolle entzogen. Große Kampfstoffwolken schwebten über der Straße, kontaminierten (bleibend) die Umgebung , wurden vom Wind abgetrieben und verletzten auf ihrem Weg unzählige Personen. Mehrmals verursachte der großflächige Einsatz von Pfefferspray eine Panik, bei der sich weitere DemonstrantInnen verletzten. In mehreren Fällen wurden gezielt am Boden liegende oder flüchtende DemonstrantInnen besprüht.



Die Auswirkungen von Pfefferspray auf den menschlichen Organismus sind bisher nicht hinreichend erforscht. Im Zusammenhang mit dem Einsatz des Kampfstoffes gibt es immer wieder Todesfälle (z.B. 19.06.2010 Dortmund)(2) durch Multiorganversagen(3). Darüber hinaus sind lebensbedrohliche Komplikationen (Glottisödem, Laryngospasmen, toxisches Lungenödem, Atemstillstand) und bleibende Schäden (an Augen, Haut und Atemwegen) bei Betroffenen hinreichend dokumentiert. Darüber hinaus bleibt Pfefferspray auch nach verlassen des unmittelbaren Anwendungsbereiches aktiv, und wirkt durch kontaminierte Kleidung und Hautpartien weiter. Betroffene können auch um Stunden oder Tage zeitverzögert stärkste Reaktionen entwickeln und zu Notfall-PatientInnen werden.

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